Inländer, Ausländer
9. Juli 2010
Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, stellt den Migrationsbericht 2010 vor, das Erste berichtet darüber in seiner populärsten Nachrichtensendung, der Tagesschau. 14 Prozent der jungen Migranten, so heißt es in dem Beitrag, blieben ohne Schulabschluss, bei den Deutschen seien es nur sieben Prozent. Was wie ein sprachlicher Lapsus klingt, wiederholt sich im Laufe des Berichtes dreimal, entlarvt sich also als Ausdruck einer Haltung: Migranten sind keine Deutschen. Das führt die Tagesschau auf seiner Homepage fort: Hier mutiert der Migrationsbericht 2010 zum Bericht zur Lage der Ausländer in Deutschland. Dessen Botschaft wörtlich: “Deutschlands Kinder sind immer öfter keine Inländer.” Was will uns die ARD damit sagen? Im selben Atemzug wird freudig darüber berichtet, wie nachhaltig unsere Nationalkicker Özil, Khedira, Boateng, Podolski, Klose und Gomez das Deutschlandbild im Ausland beeinflusst haben - nicht nur ihrer schönen Spielweise wegen, sondern auch weil sie als Musterbeispiele einer gelungenen Integration gelten. Die Versager hingegen, Hauptschüler und Schulabbrecher - wie Özil und Boateng Kinder Deutschlands - bleiben Ausländer. Die Botschaft: Nur Erfolg garantiert Integration; wer scheitert, kann froh sein, wenn wir ihn dulden in unserem Land.
Deut mir Schland!
7. Juli 2010
Die WM-Euphorie hat unser Land nachhaltig verändert. Ob in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt oder München: Das Volk jubelt mit einer Stimme. “Schland! Schlaaand!”, hallt es über die Plätze, ein Ruf, der inzwischen sogar im Ausland Echos findet.
Schland - das ist die fröhliche, von allen nationalistischen oder chauvinistischen Tönen befreite Einheitsformel, das Wir-Gefühl einer Nation, die so lange auf jedes nationale Pathos verzichtete - aus historischer Strenge sich selbst gegenüber. Schland verzichtet auf das deutsche Präfix und macht es damit auch den Millionen Migranten, die noch in einem anderen Land zu Hause sind, leichter, in den Chor der Glücksseligen einzustimmen und die wunderbare Leichtigkeit dieses Sommers zu genießen.
Und nach der WM? Wem wird die Deutungshoheit zufallen, wenn der Jubel verstummt? Mit ihrem Volksbegehren gegen die Raucherlobby haben die Menschen in Bayern ja gerade erst bewiesen, dass Demokratie auch gegen die Herrschenden gelingen kann, wenn ein Begehren Massen mobilisiert.
(Randnotiz: Das Kunstwort Schland ist seit 2005 als Wortmarke geschützt. Die Rechte daran hält niemand anderes als Stefan Raab, der Erfinder Lenas, der Inkarnation reinen Schlands. Raabs Firma vertreibt sogar Merchandisingprodukte, die mit dem Markennamen versehen sind. Ist das Wir-Gefühl rund um die WM also auch bloß eine große Inzsenierung?)
Leicht sein
29. Juni 2010
Auf Stefans Lena folgen Jogis Jungs. Leichtfüßig und unbeschwert schießen sie Deutschland ins Viertelfinale der WM. Einen Moment lang lassen sie uns die deutschen Tugenden vergessen, auf die Generationen vor ihnen vertrauen mussten. Schweinsteiger, Ösul und Müller verzaubern die Welt wie erst wenige Wochen vor ihnen ein Mädchen aus der Mitte des Landes. Ihre unbekümmerte Art, so scheint es, spiegelt die Sehnsucht einer ganzen Nation: leicht sein zu dürfen, sich nicht verbiegen zu müssen, in der Freude erfolgreich zu sein, seinen Traum zu leben, ohne dass einen dafür die anderen belächeln.
Die Phantasie vom anstrengungslosen Wohlstand ist eine sehr menschliche Illusion. Märchen sind so entstanden und entstehen weiter - jeden Tag gebiert der Boulevard eine neue Fabel. Dabei muss uns niemand mahnen, dass die Illusion eine Illusion bleibt. Auch Jogis Jungs haben ihre Leichtfüßigkeit trainiert, wer würde daran ernsthaft zweifeln. Trotzdem schnalzen wir mit der Zunge, wenn Ösul einen zauberhaften Pass schlägt und Müller leichtfüßig abschließt. Kinder brauchen Märchen, forderte der US-amerikanische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim vor 30 Jahren. Erwachsene auch.
Sommermärchen
31. Mai 2010
Unser Land steht Kopf:
Da gewinnt ein eben noch völlig unbekanntes Mädchen aus Hannover nur Monate nach ihrer medial inszenierten Entdeckung den Eurovision Song Contest 2010, den europaweit wichtigsten Musikwettbewerb und löst eine nie dagewesene Euphorie aus. Lena ist für Stunden im Mikro-Blog Twitter der meistzitierte Name der Welt! Vom Sommermärchen ist die Rede, von einer Lenamanie in Lenaropa.
Da gewinnt ein leidlich begabter Entertainer, Mentor der 19-jährigen Siegerin und Vater des deutschen Erfolgs, über Nacht das Vertrauen eines ganzen Volkes, das in ihm plötzlich den Messias, den weißen Obama, das Goldhändchen der Republik erblickt, der Deutschland wohl endgültig in ein Land des Lächelns verwandelt: Stefan Raab soll nicht nur Bundestrainer werden, um die deutschen Kicker in Südafrika zur Weltmeisterschaft zu leiten, sondern jetzt, da Super-Horst seiner Kritiker wegen schmollt und sein staatstragendes Amt heute niedergelegt hat, gar Bundespräsident - so kann es gehen.
Bei so viel Euphorie und Aufregung wären zwei Randnotizen des Tages beinahe untergegangen: Während Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen allen Ernstes vorschlägt, schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen mit einer gemeinnützigen Bürgerarbeit wieder zu einem ehrenwerten Job zu verhelfen, fordert Kanzleramtschef Ronald Pofalla die Streichung des Elterngeldes für Hartz-IV-Bezieher, was, wie nicht schwer auszurechnen, vor allem alleinerziehende Mütter träfe. Wer soll solche Gesetze künftig unterschreiben? Und: Ist es bloß eine zufällig Koinzidenz, dass der Untote aus Wiesbaden nur wenige Tage vor dem Rücktritt Horst Köhlers als Ministerpräsident seines Landes zurückgetreten ist?
Sündenfall
17. Mai 2010
Eine Bremer Gymnasiastin benötigt Nachhilfe in Mathematik und Deutsch. Ihre Eltern aber haben kein Geld dafür übrig. Also beantragen sie einen Hartz-IV-Zuschuss in Höhe von 210 Euro pro Vierteljahr. Die Behörde lehnt ab. Mit Blick auf das im Februar ergangene Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichtes, das ALG-II-Empfängern einen “besonderen Bedarf aufgrund atypischer Bedarfslagen” zugesteht, sieht die Familie gute Chancen, ihre Forderung vor dem Bremer Sozialgericht einzuklagen. Sie unterliegt jedoch. Begründung des Gerichts: ”Normale Lernschwierigkeiten” gälten nicht als “außergewöhnliche Bedarfslage”. Die Tatsache, dass jeder dritte Gymnasiast Nachhilfeunterricht bekommt, ist nicht für, sondern gegen die Oberstufenschülerin zu werten. Was nämlich für viele Kinder normal ist, kann für Kinder aus Hartz-IV-Familien nicht außergewöhnlich sein.
Der Untote aus Wiesbaden fordert angesichts der Wahlschlappe seiner Partei in NRW Konsequenzen. Sparen sei das Gebot der Stunde, und natürlich kennt der Küchenmeister auch geeignete Rezepte. Den Gürtel enger schnallen sollen vor allem berufstätige Eltern. Beim Ausbau der Kinderbetreuungsplätze müsse nämlich ebenso gespart werden wie im Bereich Bildung. Was nützt es da, dass selbst seine Parteikollegin von einer “Sünde” spricht. Populisten ficht das nicht an. Sie wissen sich jenen nahe, die nur allzu gern an schnelle Lösungen glauben. Lösungen, die nicht für sie selbst, sondern die anderen unpopulär sind.
Arm trotz Arbeit
4. Mai 2010
Zeitzeuge sein
23. April 2010
Was einem als erstes einfällt:
die Finanzkrise (2009 Lehman Brothers, 2010 Griechenland),
der Missbrauchskandal (katholische Kirche, Odenwald-Internat),
ein isländischer Vulkan, der fünf Tage lang den Flugverkehr über Europa lahmlegt,
der Krieg in Afghanistan (zuletzt sieben tote Bundeswehrsoldaten.
Bereits Geschichte: das Erdbeben in Haiti (obwohl erst im Januar 2010); die Olympischen Winterspiele (auch erst vor wenigen Monaten); Obama, der erste schwarze US-Präsident; die Massenproteste der iranischen Opposition; die Verstaatlichung der Hypo Real Estate; das Ende von Quelle; der Amoklauf von Winnenden; der Tod von Michael Jackson, Pina Bausch, John Updike, Ralf Dahrendorf, Robert Enke (alles 2009).
Was lässt das eine Ereignis schon nach kurzer Zeit verblassen, während das andere über Jahre oder Jahrzehnte lebendig bleibt?
Lebendige Erinnerung an: die Terroranschläge von 2001, den deutschen Herbst 1977, die erste Mondlandung am 20. Juli 1969.
Frisch
19. April 2010
Max Frischs drittes Tagebuch gelesen. Es lässt mich traurig zurück. Ein alter, kranker Mann hat neun Jahre vor seinem Tod mit dem Leben abgeschlossen. So lesen sich die Eintragungen in weiten Teilen. Eine Liebe scheitert, ein Freund stirbt, die eigenen Sätze langweilen ihn - was bleibt?
Kein Schriftsteller hat mich mehr beeinflusst als Max Frisch. Die beiden Tagebücher, Gantenbein, Homo Faber, Montauk und natürlich Stiller habe ich immer wieder gelesen, und immer wieder mit Genuss und Gewinn. Das dritte Tagebuch fällt aus der Reihe. Kein Wunder, dass es der Autor zu Lebzeiten nicht freigegeben hat. Er wird dafür seine Gründe gehabt haben. Auch Adolf Muschg riet von einer Veröffentlichung der Skizzen öffentlich ab. Dass “Entwurf” im Titel steht, macht die Sache nicht besser - ein fauler Kompromiss. Wen Max Frisch durch sein letztes Tagebuch tatsächlich beschenkt hat, verraten die Verkaufszahlen. Schon zwei Wochen nach Erscheinen klettert der “Entwurf zu einem dritten Tagebuch” auf Platz 231 des Amazon-Verkaufsrangs.
Asche auf unser Haupt
18. April 2010
Nichts geht mehr. Seit Tagen steht die Welt still. Staatsbesuche werden abgesagt, Trauerfeiern verzögert, internationale Sportveranstaltungen verschoben. Manche sprechen von der schlimmsten Katastrophe seit den Terroranschlägen von 2001. Ursache ist ein Vulkanausbruch über Island. Die Asche, die der Vulkan Eyjafjallajökull ausspuckt, stellt nach Aussagen von Experten eine Gefahr für hoch fliegende Luftschiffe dar und hat den kompletten Flugverkehr über Europa lahmgelegt. Der ökonomische Schaden ist gigantisch - jedenfalls für die Fluggesellschaften und die Reiseveranstalter und die Spekulanten, die eine Naturkatastrophe nicht auf ihrer Rechnung hatten.
Andererseits scheinen viele Menschen im Angesicht des allgemeinen Stillstands selbst inne zu halten und rücken einander näher - die Flugasche, so scheint es, lässt Wesentliches aufleuchten, was die hektische Klarheit des Tages verdunkelt. Selbst wer von den Einschränkungen selbst betroffen ist, blickt ehrfürchtig auf dieses Naturereignis, weil es dem Menschen seine ihm angestammte Rolle im Universum zuweist.
Der weinende Mann
12. April 2010
Abends in der U-Bahn-Station Willy-Brandt-Platz/Europäische Zentralbank. Auf dem Bahnsteig gegenüber setzt sich ein Mann auf eine Bank. Er weint. Er schüttelt den Kopf. Er verdeckt sein Gesicht - erst zaghaft, dann mit der ganzen Hand. Er sieht uns nicht. Aber jeder sieht ihn. Ein Mann, der weint. Private Trauer am öffentlichen Ort. Als die U-Bahn einfährt, bleibt er hocken. Wischt sich die Augen. Ich sehe ihn - durch die doppelten Scheiben des Zugs. Jene Bahn rollt weiter, unsere Bahn fährt ein. Ein letzter Blick durch Glas. Der Mann, das Kind.